Erfahrungsbericht – Geburtstrauma bei Neugeborenen

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Erfahrungsbericht – Geburtstrauma bei Neugeborenen 2017-08-20T14:48:42+00:00

Erfahrungsbericht – Geburtstrauma bei Neugeborenen

Die Geburt unserer Tochter Emelie begann wie im Lehrbuch und endete im Alptraum. Nachdem ihr Kopf bereits geboren war, blieb sie mit der Schulter hängen. Erst neunzehn Minuten später und nachdem ich in Vollnarkose gelegt wurde, konnten die Ärzte sie unter großen Anstrengungen vollends zur Welt holen. Bis dahin war sie bereits ohne Puls und Atmung. Sie wurde reanimiert und dann in die Intensivstation der Ulmer Kinderklinik gebracht. Wie es mit ihr weitergehen würde, wusste in dieser Nacht und auch die folgenden Wochen niemand zu sagen. Anstatt Wärme, Nähe und Geborgenheit in den Stunden und Tagen nach der Geburt zu bekommen, wurde unsere Tochter per Infusion ernährt, auf 32° gekühlt und mit Morphium versorgt, um die Schmerzen auszuschalten. Für uns war jeder Tag ein Hoffen und Bangen, jede Fahrt zum Krankenhaus von Panik begleitet – was wäre, wenn sie einen Krampfanfall hatte, was wenn die Sonographie Schlimmes zeigt, was wenn das MRT unsere Befürchtungen bestätigt? Obwohl wir wussten, dass unser Kind medizinisch in den besten Händen war, fühlte sich alles falsch an. Nach Hause zu kommen, ohne das Baby dabei zu haben, war einfach nicht richtig. Doch wir hatten mehr Glück, als wir zu hoffen gewagt hatten. Die Untersuchungen zeigten keine größeren Schädigungen, und sie machte langsam Fortschritte. Nach rund zwei Wochen durfte ich sie das erste Mal auf den Arm nehmen und sie begann zu trinken. Ihre Prognosen, ganz gesund zu werden, waren sehr gut. Drei Wochen nach der Geburt durfte sie endlich mit nach Hause. Jetzt wird alles gut – dachten wir.

Tatsächlich begann jetzt die zweite große Herausforderung. Nachdem sie zwei Tage nur geschlafen hatte, wurde es immer schwieriger mit ihr. Sie schrie sehr viel. Stundenlang trug ich sie durch das Haus und die Nachbarschaft. An gemütliche Spaziergänge mit dem Kinderwagen war nicht zu denken, Besuche bei Freunden oder Familie kaum möglich. Sie war sehr ängstlich, ließ sich nur von uns Eltern anfassen und oft konnte nur ich selbst sie beruhigen. Nur im Tragetuch konnte sich unsere Tochter einigermaßen beruhigen, oft half auch das nicht. Ihr großer Bruder, zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal drei Jahre alt, musste oft zurückstecken und sich mit einem fürchterlich schreienden Baby und Eltern, deren Nerven zum Zerreißen gespannt waren, arrangieren. Das alles hatte so gar nichts mit unseren romantischen Vorstellungen vom ersten Sommer mit unserem kleinen Mädchens zu tun. Am Schlimmsten für uns aber war, dass wir das Gefühl hatten, unser Kind leidet noch viel mehr als wir an ihren Schreiattacken. Nur wenn es abends wurde und sie in ihrem eigenen Bett lag, schien sie sich wohl zu fühlen. Dadurch hatten wir ruhige Nächte, in denen wir uns von den Tagen erholen konnten. Doch im Laufe der nächsten Monate wurden auch die immer schlechter. Phasenweise musste ich sie halbstündlich stillen, damit sie sich wieder beruhigte. Nach etwas weniger als einem halben Jahr waren wir mit den Nerven am Ende und suchten uns Hilfe in der Schreiambulanz von Heidi Schneider. Beim ersten Gespräch erklärte sie uns, wie sie arbeitet und dass sie auf Unterstützung der Eltern angewiesen sei. Dies bedeutete, dass wir Eltern in einer sicheren Selbstanbindung unser Baby bei der Therapie begleiten, damit Emelie uns ihre Geschichte erzählen konnte. Frau Schneider klärte uns auf, dass dies sicher nicht einfach für uns Eltern und Emelie sei. Emelie in ihrer verkörperten Babysprache zu begleiten, wie sie ihren Schmerz ausdrückte, würde für uns nur schwer auszuhalten sein. Wir waren zunächst ziemlich skeptisch, entschieden uns aber, den Weg zu gehen. Wie als wenn Emelie auf diese Erlaubnis gewartet hätte, zeigte sie uns, was ihr bei der Geburt passiert ist, nur mit dem Unterschied der neuen Erfahrung, dass wir Eltern im Kontakt mit ihr waren und sie bei uns danach ein sicheres Bonding bekommen konnte. Nur wenige Tage später saßen wir also wieder bei Frau Schneider und ließen Emelie ihre Geburt erneut erleben – allerdings dieses Mal, ohne stecken zu bleiben und mit der Möglichkeit, sie danach direkt in die Arme zu schließen. Die folgenden Tage waren wieder ziemlich schlimm. Aber dann, etwa drei Tage später, legte sich bei Emelie ein Schalter um. Das Wesen unseres Kindes veränderte sich fast von einem Tag auf den anderen. Sie war viel weniger ängstlich und schrie plötzlich kaum mehr. Selbst Freunde und unsere Eltern nahmen die Veränderungen bei unserer Tochter auf den ersten Blick wahr. In den folgenden Wochen waren wir sehr regelmäßig in der Schreiambulanz, um die Behandlung fortzuführen. Sie wurde ausgeglichener, offener anderen Menschen gegenüber und auch die Nächte wurden besser. Etwa drei Monate waren wir regelmäßig in Senden. Im Laufe dieser Zeit wandelte sich unsere Tochter komplett. Aus einem überängstlichen Baby wurde ein lustiges, aufgewecktes und fröhliches Kind, das offen ist im Umgang mit anderen und die Welt neugierig entdeckt.

Auch ich als Mutter bekam einzelne Sitzungen bei Frau Schneider, bei denen ich meine traumatischen Erfahrungen aufarbeiten durfte. Ich hatte nicht gewusst, wie tief diese Erfahrung in mir steckte.

Inzwischen sind wir eine sehr glückliche Familie mit etwas Wehmut im Herzen, wenn ich daran denke, was wir erlebt haben.